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Das breite Angebot der 51. Stuttgarter Antiquariatsmesse

Mittelalterliche Buchkunst – Faszination der Moderne

4. Januar 2012 // © KULTURFINDER
Seit 1970 im Einsatz: der „lesende Tieck“ nach einem Scherenschnitt von Luise Duttenhofer. Für die Antiquariatsmesse Ende Januar wurde er wieder in ein modernes Gewand gekleidet. // Foto: Antiquariatsmesse Stuttgart

Von den Meistern der mittelalterlichen Buchmalerei bis zur Avantgarde, Galileo Galilei neben Marcel Proust, Thomas Bernhard und James Bond. Inkunabeln, Künstlerbücher, Manuskripte, Erstausgaben aus Mittelalter und Moderne, Werke der Wissenschaft und Ästhetik, Schönheit für das Auge und den Intellekt: Die 51. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentiert vom 27. bis 29. Januar zahlreiche Highlights aus fünfhundert Jahren Buchdruck und Buchkunst für Sammler und Kulturinteressierte aus aller Welt.

 

80 Aussteller aus Europa und den USA zeigen im Württembergischen Kunstverein bibliophile Kostbarkeiten, darunter eine prachtvolle Bibelhandschrift, um 1300 mit zauberhaften Buchmalereien in der Werkstatt des Bologneser Künstlers Jacopino da Reggio entstanden. Dies ist eine von vielen Kostbarkeiten in den Vitrinen des Antiquariats Bibermühle (850.000 €).

 

Highlights aus dem Messekatalog

La Carte Surrealiste (Eckert & Kaun 2.200 €) // (Alle Fotos: Antiquariatsmesse Stuttgart)
Johannes von Guenther, Freundschaftsalbum und Gästebuch (12.000 €)
Elwes, Genus Lilium (Neidhardt 12.000 €)
Bernard de Gordon, Lilium medicinae (Inlibris 185.000 €)
De Bry, Collectiones Peregrinationum (Patzer & Trenkle 90.000 €)
Aus dem Besitz Napoleons I. (Fons Blavus 150.000 €)
Max Osborn, Max Pechstein (Rotes Antiquariat 12.500 €)
Péret, Au 125 du boulevard Saint-Germain (linke 20.000 €)
Kellermann, Der Tunnel. Originalumschlag von Georg Salter (Ahnert 350 €)

In Napoleons Gefolge befand sich während seiner militärischen Siege und Niederlagen neben Offizieren und Truppen auch – ein Buch. McPhersons „Ossian“, in Paris 1777 gedruckt und mit dem Wappen Napoleons versehen, trug der Herrscher stets im Gepäck, um daraus in Gegenwart seiner Getreuen zu deklamieren (Fons Blavus 150.000 €).

 

Info

  • 51. Stuttgarter Antiquariatsmesse
    des Verbandes Deutscher Antiquare
    27. bis 29. Januar
    Württembergischer Kunstverein,
    Schlossplatz Stuttgart
  • Öffnungszeiten:
    Freitag 11 bis 19.30 Uhr,
    Samstag und Sonntag
    11 bis 18 Uhr
  • Katalog und Informationen

  • 26. Antiquaria Ludwigsburg
    26. bis 28. Januar
    Musikhalle, Ludwigsburg
  • Öffnungszeiten
    Donnerstag
    15 bis 20 Uhr,
    Freitag 11 bis 19 Uhr,
    Samstag 11 bis 17 Uhr
  • Katalog und Informationen

  

Hexerei?

 

In den „Canterbury Tales“ zählt ihn Geoffrey Chaucer zu den drei Autoritäten der (damals) modernen Medizin; auf der Stuttgarter Messe ist von Bernard de Gordons sein Werk „Lilium medicinae“ in einer südfranzösischen Pergamenthandschrift aus dem Jahr 1332 zu bewundern (Inlibris 185.000 €). Zwei arabische Handschriften, die menschlichen Krankheiten von Kopf bis Fuß beschreibend, zeigt Guiseppe Solmi (7.500 €), während Meda Riquier aus London die größte wissenschaftliche Leistung auf dem Gebiet der frühen Anatomie präsentiert: Vesalius’ „De humani corporis“ (59.000 €). Ein „Vinculum Salomonis“, eine Zauberrolle mit magischen Diagrammen und Symbolen, ist beim Antiquariat Loecker zu erwerben (5.600 €) und Franz Siegle widmet sich dem Somnambulismus sowie dem vor 150 Jahren verstorbenen Forscher und Dichter Justinus Kerner samt dessen Werken, Briefen und Klecksographien.

 

 

Vom Polarkreis zum Äquator

 

Eiskalt erwischt es die Messebesucher am Stand des Brockhaus/Antiquariums, das die schönsten Reisebeschreibungen aus den eisigen Polarregionen in die Vitrinen legt. Heißer her ging es längs des Äquators: De Brys „Collectiones Peregrinationum in Indiam Occidentalem“ ist das maßgebliche Renaissance-Werk zum Thema, das neben den großen Entdeckungen das gesamte Wissen um die fernen Länder nach Europa brachte (Patzer & Trenkle 90.000 €). Vom Britischen Empire in exotische Gefilde weist ein ganz besonderes Schriftstück: das einzige existierende Dokument mit Omais Handschrift (Eigl 75.000 €). Omai, ein junger Mann aus Ra’iatea, war der erste Südseeinsulaner in Europa, der James Cook als Dolmetscher und Diplomat diente, bevor er mit diesem nach England reiste und dort als „Prinz“ Omai in die Gesellschaft bis hinauf zum Britischen Königshaus eingeführt wurde.

 

 

Hunde, die auf Schlitten fahren

 

Illustrierte Bücher, Weltliteratur, Avantgarde und Surrealismus zählen zu den attraktiven Schwerpunkten der Stuttgarter Antiquariatsmesse: Die „Carte Surrealiste“ mit Fotomontagen von Miro und Man Ray sind bei Eckert & Kaun zu bestaunen (2.200 €); die Galerie Valentien präsentiert Picassos „Fingermalerei“ zu Tristan Tzaras „Mémoire d’Homme“ (9.500 €). Ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts sind Vergils „Eclogen“, die von Maillol mit Originalholzschnitten geschmückt wurden (Blank 24.000 €). Günter Linke zeigt Pérets „Au 125 du boulevard Saint-Germain“ mit einer Radierung von Max Ernst (20.000 €). Mit Osborns Pechstein-Monographie samt signierter Farblithographie und Radierungen reüssiert das Rote Antiquariat in Stuttgart (12.500 €) und das Antiquariat Hanno Schreyer huldigt mit einer Folge von Kupferstichen der Seine-Metropole Paris (um 1.650 €). Schöner kann ein Gang über die Champs-Élysées kaum sein!

 

 

Das „Schwabenmädchen“ und des Pudels Kern

 

Elise Bürger musste sich nach unglücklicher Ehe mit Gottfried August Bürger als Schauspielerin verdingen. Einzig Friedrich Schiller versuchte ihren gesellschaftlichen Abstieg zu verhindern, indem er ein Empfehlungsschreiben entsandte (Stargardt 16.000 €). Carl Krockow von der Wickerode schenkte Richard Wagner zum 60. Geburtstag einen Pudel, den dieser „Putz“ nannte und in einer launigen „Pudel-Ballade“ verewigte. Das Manuskript präsentiert Rainer Schlicht (13.800 €). Ein Gästebuch des Schriftstellers Johannes von Guenther führt auf das gesellschaftliche Parkett der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Es dokumentiert die engen Beziehungen zur russischen Avantgarde, deren Vertreter sich darin mit Widmungen und Aquarellen verewigten (Köstler 12.000 €).

„A qualified return to the gold standard would be practicable for most countries” schreibt weder der Spiegel noch das Wall Street Journal 2012, sondern John Maynard Keynes im Januar 1933. Keynes’ und Marx’ nüchterne Analysen der weltwirtschaftlichen Lage, in denen beide – aktuell wie nie – über den Wert des Goldes und die Inflation in unsicheren Zeiten räsonieren, zeigt Thomas Kotte (5.000 € und 68.000 €).

 

 

Ein Fest für das schöne Buch

 

Auch 2012 finden rund um die Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg wieder zahlreiche Veranstaltungen statt: Über die vielen Facetten des Gesamtkunstwerks „Buch“ sprechen beim gemeinsamen Auftakt der Stuttgarter Antiquariatsmesse und der Antiquaria Ludwigsburg die Verlegerin Annette Kulenkampff, die Sammlerin Akka von Lucius und Simone Schimpf vom Stuttgarter Kunstmuseum am Mittwoch, den 18. Januar 2012 um 20 Uhr im Literaturhaus.

Die Ausstellung im Rahmen der Stuttgarter Antiquariatsmesse ist 2012 der Bibliothek eines Privatsammlers gewidmet: Achim Hall zeigt seine beeindruckende Kollektion von Widmungsexemplaren Thomas Manns und dessen Familie. Dazu erscheint ein reich illustrierter Katalog, der am Messesamstag um 18.30 Uhr im Württembergischen Kunstverein mit einem Vortrag des Thomas-Mann-Kenners Dirk Heißerer vorgestellt wird.

Die Antiquaria lädt am 26. Januar um 20.15 Uhr zur Verleihung des 18. Antiquaria-Preises für Buchkultur ins Podium der Ludwigsburger Musikhalle. Den Preis erhält Clemens-Tobias Lange für die Gestaltung herausragender Künstlerbücher.

Da der Eintritt auch 2012 für beide Messen gilt (und die Entfernung zwischen Stuttgart und Ludwigsburg rasch mit der S-Bahn zu bewältigen ist) steht einem Besuch der 51. Antiquariatsmesse und der 26. Antiquaria nichts im Wege.