Höher, schneller, verkäuflicher – und wer gewinnt?
Kaum war die „Longlist“ des diesjährigen Deutschen Buchpreises bekannt gegeben, veröffentlichten einige der sogenannten Independent Verlage ihre eigenen Empfehlungen als „Hotlist“. Mittlerweile steht bereits die „Shortlist“ mit sechs Titeln, aus denen am 12. Oktober der „Roman des Jahres“ gewählt wird.
Blickt bei den vielen Listen eigentlich noch jemand durch? Am Anfang stand die Bestsellerliste, veröffentlicht im Spiegel, ermittelt angeblich aus den Verkaufszahlen im Buchhandel, aber durch Anzeigen und Beziehungen schon mal ein wenig beeinflussbar. Aktuell stehen dort auf Platz eins bei Belletristik der Krimi „Rauhnacht“ von Kobr / Klüpfel und bei Sachbuch der Ratgeber „Glück kommt selten allein“. Dessen Autor Eckart von Hirschhausen kann sich freuen, er führt auch die Konkurrenz-Bestsellerliste von Focus an, während bei den Romanen dort Charlotte Link mit „Das andere Kind“ Stephenie Meyer auf den zweiten und dritten Platz verwiesen hat.
Bestsellerliste, Bestenliste und Buchpreisplatzierungsliste
Gegen das Bekannte und Etablierte, für das Besondere und Lesenswerte wurde 1975 die SWR-Bestenliste aufgestellt, monatlich ermittelt von dreißig LiteraturkritikerInnen, in öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt und seit längerem auch mit einem jährlich vergebenen Preis gekrönt. Für den hat man dieser Tage beim Kritikertreffen in Baden-Baden Kathrin Schmidt mit ihrem Roman „Du stirbst nicht“ ausgewählt. Die Autorin zählt nun auch zu den sechs Finalisten auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse vergibt. In diesem Jahr 2009 haben sieben Jurorinnen aus 154 eingereichten Neuerscheinungen zwanzig Romane nominiert und diese Longlist im August veröffentlicht. Wie auch schon in den Vorjahren gab es daraufhin ein heftiges Rauschen im Blätterwald, Zustimmung, Kritik und Gegenvorschläge. Zu wenig populär seien die Titel, zu unbekannt oder anspruchsvoll und zu „wenig konsumierbar“ (!) die AutorInnen, zu groß (oder werbemächtig?) die veröffentlichenden Verlagshäuser.
Und so kam es erstmals zu einer Gegenliste, erstellt von zwanzig konzernunabhängigen Verlagen, die jeweils ein Buch ihres Programms auf die Hotlist setzen. Diese mit heißer Nadel in die Medien beförderte und alles andere als solidarisch zu verstehende Aktion sorgte gleich für Ärger mit den Kollegen anderer Independents – zumal es mit der Kurt Wolff Stiftung eine vernetzende Institution gibt –, aber man einigte sich darauf, die Initiative im kommenden Jahr aufzugreifen und eine Jury aus den dann eingegangenen Empfehlungen eine noch namenlose Liste küren zu lassen. Trotz aller Kritik soll schon in diesem Herbst der Schwung der spontanen Idee genutzt werden: per Internet können LeserInnen abstimmen, wer am Messefreitag von Denis Scheck den 5000 Euro-Scheck überreicht bekommt.
Aber das ist noch längst nicht alles. Seit 2005 existiert der Preis der Leipziger Buchmesse – im März 2009 ging er im literarischen Feld an Sibylle Lewitscharoff für „Apostoloff“ –, und auch dafür wird im Vorfeld eine Shortlist mit jeweils fünf bis sechs Kandidaten aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch / Essayistik und Übersetzung bekannt gegeben.
Deutlich auf ein breiteres Publikum durch die Präsentation in einer immer gern geschmähten Fernsehgala zielt die Corine, der internationale Buchpreis mit acht Preisträgern aus verschiedenen Genres von Roman, Hörbuch, Bildband, Jugendbuch, Werken zu Wirtschaft und Zukunft; einen Ehrenpreis gibt es auch, er geht im November an Rüdiger Safranski für sein Lebenswerk und ein bisschen für seine Geschichte einer Freundschaft zwischen Goethe und Schiller.
Orientierung für die Leser oder Verkaufsförderinstrument
Alle diese Listungen haben – wie einige andere bedeutende, nach Nobel, Büchner oder Breitbach benannte Literaturpreise auch – neben der geldwerten Auszeichnung der AutorInnen einen mehr oder weniger wichtigen Nebeneffekt: Es sind Verkaufsförderinstrumente. Mit Aufklebern versehen und entsprechendem Marketing-Nachdruck (Rabatte, Werbemittel etc.) liefern die Verlage größere Mengen dieser ja offensichtlich erfolgreichen Bücher in die Sortimente, wo diese dann ohne viele mühsam-langwierige Kundengespräche an den Mann oder die Frau gebracht werden – man muss schließlich lesen, was alle lesen, um mitreden zu können. Das gilt ebenso für die KritikerInnen und führt zu einer weiteren Verarmung der Buchbesprechungen, denen in den Tages- und Wochenzeitungen ohnehin schon zu wenig Raum zugestanden wird. Nicht nur Daniel Kehlmann, der Erfahrungen mit dem zweifelhaften Ruhm eines Bestsellerautors besitzt, hat dies beklagt.
Logischerweise hat der Buchhandel ein Interesse daran, mit einer überschaubaren Titelmenge ordentliche Umsätze zu erzielen, also pro Saison nur ein paar Bücher zu puschen. Fairerweise muss man eingestehen, dass mindestens die Leipziger und Frankfurter Preise in den letzten Jahren zu einer Protektion der deutschsprachigen Literatur beigetragen haben.
Dennoch führt die Inflation der Listen (und auch der Literaturpreise) zu Überdruss und Verwirrung – bezeichnenderweise halten sich auf der Ratgeber-Bestsellerliste Titel zum Abnehmen im Schlaf und Backbücher für Torten die Waage …
Aber vielleicht macht das Lesepublikum gerade deshalb die eigene Neugier, das persönliche Interesse wieder zu einem Auswahlkriterium für die persönliche Lektüre, dies wäre immerhin ein ungewollter Erfolg.
Die verschiedenen Listen im Überblick
Die Spiegel-Bestsellerliste wird Im Auftrag des „Spiegel“ seit 1971 vom Fachmagazin „Buchreport“ wöchentlich durch elektronische Abfrage in 350 Buchhandlungen ermittelt.
Die Focus-Bestsellerliste wird von media control GfK International GmbH in Zusammenarbeit mit Focus ermittelt und in den Magazinen Börsenblatt und BuchMarkt veröffentlicht.
Die seit 1975 monatlich erscheinende SWR-Bestenliste nennt Bücher, die nach Empfehlungen einer Jury aus derzeit 31 Literaturkritikern erstellt wird. Einmal im Jahr wird der Preis der SWR-Bestenliste verliehen.
Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung mit Unterstützung von Partnern jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten Roman in deutscher Sprache aus. Die Auswahl trifft eine jährlich wechselnde Jury aus sieben KritikerInnen.
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 mitten im Messetrubel von einer siebenköpfigen Jury zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Essayistik sowie Übersetzung verliehen. Unterstützt wird er durch den Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig. Partner des Preises ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB).
Die CORINE – Internationaler Buchpreis wird seit 2001 alljährlich für herausragende schriftstellerische Leistungen und deren Anerkennung beim Publikum vergeben und im Rahmen einer 3sat-Fernseh-Gala in München verliehen. Dahinter stehen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Bayern, 3sat, die Bayerische Staatskanzlei, der Zeit-Verlag, das Magazin »Focus«, die Waldemar Bonsels Stiftung und die Porzellan-Manufaktur Nymphenburg.




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