Ein Schatzkästchen für zeitgenössische Kunst
Eine Armbanduhr und eine Schachtel Zigaretten. Das war der Preis, den Margit Biedermann für ihr erstes Kunstwerk zahlte. Sie war 18 Jahre alt und wusste damals, Anfang der 70er Jahre noch nicht, dass sie für ihre Sammlung später einmal ein ganzes Museum benötigen würde. Vor wenigen Tagen hat die Unternehmerin nun ihr eigenes Kunstmuseum in Donaueschingen eröffnet und schon am ersten Wochenende strömten Kunstliebhaber und Schaulustige zu Tausenden in den neuen Prachtbau.
In herrlicher Lage, gleich gegenüber der Donauquelle, steht das weiße Museumsgebäude, mitten im Fürstenbergischen Schlosspark. Seit 1841 befindet sich hier Donaueschingens Musentempel, ein großzügiger klassizistischer Bau, in dem sich im 19. Jahrhundert Künstler und Kunstinteressierte trafen. Später wurde er zum Stadtkino umgebaut, bis vor einigen Jahren der letzte Filmprojektor abgeschaltet wurde. Seitdem lag es in tiefem Dornröschenschlaf.
Bis die Biedermanns es wach küssten. Lange schon hatte das Unternehmerpaar Margit und Lutz Biedermann nach einem passenden Gebäude für ihr Kunstsammlung gesucht. Es war Liebe auf den ersten Blick. Innerhalb eines Jahres verwandeltes sich das alte Kino unter der Hand von Margit Biedermann und nach den Plänen des Architektenduos Lukas Gäbele und Tanja Raufer wieder zurück in einen strahlenden Musentempel. Das Konzept: die klassizistische Architektur auf dezente Weise mit zeitgemäßer Ausstellungstechnik ausstatten und dabei eine stimmige Verbindung mit den neuen, modernen Gebäudeteilen herstellen. Mit der Ausstellung „Selection – Einblicke in die Sammlung Biedermann“, wurde das Haus am 21. September feierlich eröffnet.
Die jungen Wilden als Keimzelle der Sammlung
Zu sammeln begannen Margit und Lutz Biedermann vor 30 Jahren. Damals lebte das Paar in Berlin, weit weg von Villingen-Schwennigen, wo sie später ihren erfolgreichen Betrieb für Implantate und chirurgische Insturmente aufbauen sollten. In Berlin lernten sie die junge figurative Malerei von Künstlern wie Reiner Fetting oder Helmut Middendorf kennen. Deren Werke sollten die Keimzelle ihrer Kollektion werden. Als Reminiszenz an diese frühen Jahre gibt es in der Ausstellung einen ganzen Raum, der den jungen Wilden gewidmet ist. In dessen Zentrum: ein leuchtend rotes Nashorn von Middendorf aus dem Jahr 1979. In den anderen Ausstellungsräumen zeigt sich, dass das Sammlerpaar keineswegs bei den Jungen Wilden stehen geblieben ist: man trifft auf ein erstaunlich breites Sammlungsspektrum von großformatiger Malerei (Piero Pizzi Canella), über raumfüllende Skulpturen (David Nash, Daniel Kuhn) bis hin zu minimalistischen Positionen (Elsworth Kelly, Gerd Riel).
Auch bei der Wahl der Museumsleitung hat Margit Biedermann eine glückliche Hand bewiesen. Sie engagierte die junge Kuratorin Simone Jung, die ihre Aufgabe, einen Querschnitt aus der heterogenen Biedermann-Sammlung zu präsentieren, souverän gemeistert hat. Sie entschied sich, von Raum zu Raum verschiedene thematische Schwerpunkte zu setzen, etwa „musikalische Metaphern“ oder „minimalistische Tendenzen“, und dabei Hängung bzw. Aufstellung genau auf die gegebenen Räumlichkeiten abzustimmen. Dabei kombiniert Simone Jung Werke internationaler Größen wie Pierre Soulages oder Elsworth Kelly mit Arbeiten von Künstlern der jüngeren Generation, die bisher auf dem internationalen Markt noch nicht auftauchten, wie etwa Chris Nägele oder Daniel Kuhn. Dies macht den Museumsrundgang äußerst kurzweilig und bildet gleichzeitig die Sammlungsstrategie von Margit Biedermann ab.
Ein persönliches Verhältnis zu den Künstlern und Kunstwerken
Als Sammlerin hat sie sich nie um den Mainstream oder Kunsthype gekümmert und immer versucht, für sich persönlich das Neue zu entdecken. „Es gehört Mut dazu“, sagt sie, „sich in der Gegenwartskunst ein eigenes Urteil zu bilden.“ Es ist der Mut, der sie auch als Unternehmerin dorthin gebracht hat, wo sie heute steht. Und es ist derselbe Mut, den sie an den Künstlern schätzt, die sie sammelt. „Carry your gun“ ist einer ihrer Lieblingssätze, unterwegs auf Nebenwegen, gern auch gegen den Trend.
„Mich interessieren“, so Margit Biedermann, „die Arbeiten, die ich erstmal nicht verstehe, mit denen ich zu kämpfen habe, die mich nicht loslassen.“ Ob die Werke nun von Künstlerberühmtheiten geschaffen wurden, ist ihr egal.
Info
- Selection – Einblicke in die Sammlung Biedermann
20. September 09 – 14. Februar 10 - Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11 Uhr - 17 Uhr
Montag (außer an Feiertagen): geschlossen - museum-biedermann.de
Margit Biedermann liebt den persönlichen Kontakt mit „ihren“ Künstlern, das Gespräch im Atelier über Kunst und die Welt. Aus diesem Grund sammelt sie auch hauptsächlich Werke lebender Künstler. Überall auf der Welt von Rom bis New York, aber auch in Rottweil und Stuttgart ist sie unterwegs auf ihrer Suche nach Werken, die sie ansprechen, mit denen sie auch noch morgen und übermorgen kommunizieren möchte.Dieses sehr persönliche Verhältnis zur Kunst spürt man als Besucher des Museums Biedermann sofort. Das exklusive Ambiente, jeder Raum, jedes Detail trägt die Handschrift der Bauherrin. Vor allem aber vermittelt die Ausstellung ganz eindeutig den Charme einer erlesenen Privatkollektion.Wer eine homogene, an kunsthistorischen Maßstäben ausgerichtete Schau, wer die großen Nummern des Kunstmarktes erwartet, die Warhols, die Lichtensteins, die Chamberlains, der ist hier falsch. Wer jedoch Freude daran hat an einem äußerst delikaten Ort mit dem Sammlerpaar Biedermann die Liebe zur modernen Kunst zu teilen, der sollte nicht zögern und zum Museum am Donauquell reisen.
MUSEUM BIEDERMANN
Museumsweg 1
78166 Donaueschingen
Eintritt: € 4,50 / ermäßigt € 2,50
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Selection – Einblicke in die Sammlung Biedermann
2009. Hg.: Margit Biedermann Foundation, Text: Simone Jung
Deutsch/Englisch, 116 Seiten, 54 Farbabbildungen, 28 x 23 cm,
Hardcover, Fadenheftung; ISBN 978-3-86833-036-6
25,00 EUR / 42,00 SFR




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