Die interessanten Siebzigerjahre
Realistische Malerei galt lange als mega-out und den 1970er Jahren konnte kaum jemand mehr etwas abgewinnen.
Eine Ausstellung in Heilbronn zeigt nun, wie vielgestaltig die Malerei dieser Zeit war. Witzig, plakativ, aufmüpfig, penibel: Es gab nicht den Realismus, es gab ganz viele verschiedene realistische Tendenzen.
Die Doppelausstellung in der Kunsthalle Vogelmann und im Museum im Deutschhof lädt ein, ein Jahrzehnt wiederzuentdecken, das der Kunstgeschichte bisher entgangen war.
Dass „Die neue Wirklichkeit im Bild nach ’68“ sich auf die Malerei beschränkt, ist keinesfalls ein Manko, denn es gibt mehr als genug zu entdecken. Ursprünglich war nur an eine Ausstellung der Phantasiewelten der „Stuttgarter Schule“ um Axel Arndt und Moritz Baumgartl gedacht, doch dann entdeckte der Kurator Dieter Brunner immer neue Facetten des Realismus der Siebzigerjahre. Auch deshalb findet die Ausstellung, erstmals seit Eröffnung der Kunsthalle Vogelmann vor anderthalb Jahren, in beiden Häusern der Städtischen Museen Heilbronn statt.
„Ein Platz an der Sonne“
Das siebte Jahrzehnt beginnt genau genommen zwei Jahre früher, doch die Zäsur „nach ‘68“ ist treffend gewählt. War es doch die Generation der Studentenbewegung, die sich gegen das Schweigen der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit zu gesellschaftlichen Themen gewehrt hat. Dies begann zwar nicht erst im Jahr 1968, kam aber mit der Studentenrevolte zum Vorschein. Den Berliner „Kritischen Realismus“ von Hans-Jürgen Diehl, Wolfgang Petrick und Peter Sorge stellt die Ausstellung ebenso vor wie eines der schmerzhaft realistischen Bilder aus Operationssälen von Sorges Frau Maina-Miriam Munsky. Ziemlich plakativ befördert Jörg Immendorff 1975 Helmut Schmidt und seine Regierungsmannschaft auf den „Abfallhaufen der Geschichte“. Heiter schwebt Arwed Gorella zwischen den Bildern von Marx und Picasso über den knallroten Teppich seiner Berliner Altbauwohnung. Bissig malt Harald Duwe einen Jungen, der unter dem Titel der Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ in der Badehose auf dem Rücken in einer Müllkippe liegt.
Info
- Aufbruch Realismus –
Die neue Wirklichkeit nach ‘68
31.03.–01.07.2012 - Museen Heilbronn
- Kunsthalle Vogelmann
Allee 28
Tel. 07131 / 564420
Di-So 11-17 Uhr - Museum im Deutschhof
Deutschhofstraße 6
Tel. 07131 / 562295
Di-Fr 10-13 und 14-17 Uhr
Sa, So 11-17 Uhr - Eintritt
6 Euro, Schulklassen frei - Katalog
Aufbruch Realismus.
Die neue Wirklichkeit im Bild
nach `68. Hrsg. v. Städtische Museen Heilbronn, Kerber Art,
144 Seiten, geb., 25,00 €,
ISBN 978-3-86678-686-8
Gestochen scharf
Aber es gab auch ganz andere Tendenzen. Die amerikanischen Fotorealisten verzichteten auf moralisierende Aussagen und malten die reine Oberfläche der fotografisch erfassten Realität. Zwei beeindruckende Beispiele sind Robert Cottinghams „Boulevard Drinks“ – eine typisch amerikanische Leuchtreklame – und Don Eddys glänzende VW Käfer, in deren Karosse sich weitere VW Käfer spiegeln. Howard Kanowitz pflegt die Kunst eines modernen Trompe l’oeuil.
Alex Colville ist einer der Vorläufer, aber in den Bildern des Kanadiers, der 1945 die Schrecken der Konzentrationslager malte, bleibt immer etwas Unausgesprochenes, Rätselhaftes. So ist der Bildausschnitt einer Seglerin so gewählt, dass ihre Augen hinter dem Mastbaum verborgen bleiben, während sich im Segel ein Fenster auf den Himmel öffnet: ein dezenter Hinweis die Dimension der Imagination.
Deutsche Maler taten sich mit dem Fotorealismus schwer. Jan Peter Tripp gehört zu den Ausnahmen, dessen Herkunft aus dem ländlichen Allgäu drei Gemälde eindrucksvoll vor Augen führen. Einigen Erfolg hatten Maler wie Ben Willikens oder Hans Peter Reuter, die scheinbar äußerst realistisch und doch nahezu abstrakt imaginäre Räume vor den Augen des Betrachters entstehen lassen: ein Kompromiss zwischen Realismus und Abstraktion. Ein Akzent der Ausstellung liegt auch auf den Malern der Gruppe ZEBRA: Dieter Asmus, Dietmar Ullrich und Peter Nagel, die auf teils witzige Weise skulpturale Bilderfindungen schaffen. Hildegard Führer oder Konrad Klapheck gehen in eine ähnliche Richtung.
Gerhard Richter überzeugt
Mit 66 Künstlern bietet die Ausstellung ein breites Panorama. Den Westdeutschen stellt sie nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Malerei der DDR und der 1920er Jahre gegenüber. Dies erscheint beinahe als zwingend, zeigt sich nur so doch der Horizont, innerhalb dessen die Maler der Bundesrepublik sich orientierten. Auch hier gibt es nicht nur bekannte Namen wie George Grosz und Reinhold Nägele, Wolfgang Mattheuer oder Werner Tübke. Zu entdecken ist etwa das frappierende Selbstporträt von Hanns Reeger aus dem Jahr 1920 oder Franz Lenks Müllhaufen von 1926, beide aus den Heilbronner Sammlungen.
Während Tübke reichlich pathetisch wirkt und Mattheuers in einem Fenster gespiegelter Junge vor einem liegenden, nackten Frauenkörper etwas platt sein Thema – „Des Knaben Traum“ – illustriert, zeugt Uwe Pfeifers Blick auf die menschenleere Umgebung der Plattenbauten von einem Realismus, der sicher nicht im Sinne der DDR-Staatsorgane war und bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Auch an der westdeutschen Kunst jener Zeit mag Einiges inzwischen seltsam erscheinen. Gegenüber manchen allzu deutlichen Aussagen bietet der Skeptizismus eines Gerhard Richter – in der Ausstellung vertreten durch einen Stuhl und ein verschwommenes Landschaftsbild – die überzeugendere Alternative. Aber es gibt einige Werke völlig unbekannter Künstler, die sich immer noch sehen lassen können: etwa die geradezu nach Reinigungsmitteln duftenden Badezimmer-Stillleben von Ingrid Becker oder die wie komponiert wirkenden Eisenbahnwagen-Details von Peter Klasen oder Sigi Zahn.
Kontakt zur Redaktion: info@kulturfinder-bw.de
Link zum Autor: www.dietrichheissenbuettel.de




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