Ein neuer literarischer Ort

Das Historische Gasthaus & Schwanitz-Haus „Zum Salmen“ in Hartheim

Cornelia Frenkel-Le Chuiton // 30. April 2012 // © KULTURFINDER
Auf dem Wandbild von Andrea Berthel tummeln sich Shakespeares Dramenhelden. // Foto: © Gemeinde Hartheim

Shakespeares Dramenfiguren auf einem Wandgemälde sind die Hauptattraktion des neu eröffneten Literaturmuseums im Dreiländereck: Das historische Gasthaus „Zum Salmen“ in Hartheim erinnert an Dietrich Schwanitz, den 2004 verstorbenen Autor, Wissenschaftler und Shakespeare-Enthusiasten.

 

Eine Überraschung erwartet literarisch interessierte Besucher im kleinen Ort Hartheim bei Breisach am Rhein: Im Festsaal des ehemaligen Gasthofs „Zum Salmen“ versetzt ein spektakuläres Wandgemälde sie mitten hinein in Shakespeares Dramen. Lebensgroß treten einem seine Figuren entgegen: Prinz Hamlet mit dem Schädel Yorricks in der Hand, Romeo und Julia, Desdemona und Othello, Titania und Bottom. Auf einem Sessel fläzt sich der Fettwanst Falstaff, für dessen Flüche Dietrich Schwanitz nach eigenem Bekunden bereits als Pennäler durchschlagende Verwendung fand. In der Bildmitte sitzen Elisabeth I. von England und Shakespeare selbst, schalkhaft lugt hinter einer Säule Schwanitz hervor, ein Glas Rotwein in der Hand. Das Wandgemälde  wurde nach seinen Vorgaben von der Malerin Andrea Berthel kreiert, hyperrealistisch und illusionistisch, in Anlehnung an ein Bild von Paolo Veronese aus dem Jahr 1572, das ein „Gastmahl bei Gregor dem Großen“ darstellt.

 

„Zum Salmen“: Hier ist Shakespeare zu Gast

Das Wirthausschild // Alle Fotos: © Gemeinde Hartheim
Dietrich Schwanitz
Bildmitte mit Falstaff, Shakespeare, Elisabeth I. und Hamlet
Romeo und Julia
Bottom
Desdemona und Othello
Der „Salmen“ im Jahr 1935
Historische Speisekarte
Das ganze Wandbild von Andrea Berthel, 2002

Eine Schwanitz-Gedenkstätte

 

Nach dem überraschenden Tod von Dietrich Schwanitz wurde seine letzte Wohnstätte im „Salmen“ mit Hilfe eines Fördervereins weiter restauriert und kulturell genutzt. Ende April ist nun in einem der Räume mit Hilfe der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten im Deutschen Literaturarchiv Marbach eine Schwanitz-Gedenkstätte eröffnet worden. Sie versteht sich als unabgeschlossen und wird medial noch besser ausgestattet werden, u.a. mit einer Hörstation. In mehreren Vitrinen sind Fotos, Zeichnungen, Schriftstücke, Plakate, Bücher und Objekte zu sehen, die Dietrich Schwanitz‘ Leben und Wirken erhellen. Der Shakespeare-Enthusiast war ein der europäischen Aufklärung verpflichteter Intellektueller, ein „Homme de lettres“ voller Neugierde und Unruhe. Er hatte Anglistik, Geschichte und Philosophie studiert und lehrte dann an den Hochschulen in Mannheim, Freiburg und Hamburg als engagierter Professor. In den 1990er Jahren machte er sich als provokanter Publizist einen Namen.

 

 

Info

  • Historisches Gasthaus
    & Schwanitz-Haus
    „Zum Salmen“
    Rheinstraße 20
    79285 Hartheim
    Telefon 07633 / 9199960
  • Literarische Museen im Land
    www.alim-bw.de
  • Veröffentlichungen
    von Dietrich Schwanitz
    (Auswahl):
  • Bildung. Alles, was man wissen muss.
    Illustrierte Ausgabe, Eichborn 2010, geb., 655 S., 29,95 €
    ISBN 978-3-8218-6363-4
    Die Höredtion. Hörbuch
    (12 CDs), 29,99 €
    ISBN 978-3-8218-5377-2
  • Männer. Eine Spezies wird besichtigt. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Bücherpreis, Kategorie Sachbuch, 2002. Goldmann 2003. 381 Seiten, kart., 9,90 €,
    ISBN 978-3-442-15170-7
  • Shakespeares Hamlet und alles, was ihn für uns zum kulturellen Gedächtnis macht. Goldmann 2008. 185 Seiten, kart. 10,00 €
    ISBN 978-3-442-15463-0

 

„Alles was man wissen muss“

 

Sein bekanntestes Werk ist das 1999 erschienene Sachbuch „Bildung. Alles, was man wissen muss“, das zum Bestseller wurde. Schwanitz unterzieht darin das Wissen über die moderne Gesellschaft, das seines Erachtens zu deren Verständnis notwendig ist und zum Bildungskanon gehört, einer Inventur. Der so erstellte Überblick zu Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst und Musik reizte zum Widerspruch, man kritisierte allzu saloppen Umgang mit Fakten, gewagte Thesen, zu eigenmächtige Auswahlkriterien.

Erklärtermaßen geht es Schwanitz um die Frage, welches Wissen zu vermitteln ist, damit „Bildung“ den Einzelnen in die Gesellschaft einbinden kann und das Individuum befähigt wird, an einer sachlichen Kommunikation teilzunehmen. Schwanitz geht in der Tat mit seiner Materie häufig locker um, doch sieht sich der Leser so nie auf die Schulbank gedrückt.

 

 

Kulturgeschichte
und Schlüsselroman

 

Dietrich Schwanitz war sich bewusst, dass die Auswirkungen der Nazizeit in Deutschland den Blick für Vieles verstellen, u. a. für die Geschichte Europas, aus deren Tradition heraus die Tyrannei schließlich besiegt wurde. In diesem Sinne hat er „Die Geschichte Europas“ verfasst sowie die „Englische Kulturgeschichte“ –  beides keine langweiligen Bücher.

Einen Bestseller landete Schwanitz 1995 mit dem auch verfilmten Schlüsselroman „Der Campus“. Schauplatz ist die Universität Hamburg; der Plot dreht sich um den Nachweis einer sexuellen Belästigung, der politisch und feministisch instrumentalisiert wird, um den „Starsoziologen“ Hanno Hackmann zu Fall zu bringen. Schwanitz orientiert sich in seinem Schreiben an der britischen Unterhaltungsliteratur, den satirischen Romanen von David Lodge.

In seiner Krimikomödie „Der Zirkel“ stellt er das deutsche Hochschulmilieu als beinhart verfilzte Bürokratie dar – die Atmosphäre an angloamerikanischen Universitäten dient ihm oft als Gegenbeispiel.

Seinen kritisch-satirischen Blick auf das Verhältnis der Geschlechter findet man auch in seinem Buch „Männer. Eine Spezies wird besichtigt“; darin beobachtet er männliches und weibliches Rollenverhalten, das zu Unverständnis führt und die Liebe beschädigt. Damit fiel der Autor bei der Kritik aber durch.

 

 

Shakespeare-Enthusiast

 

Das Werk William Shakespeares war für Dietrich Schwanitz das Herzstück seiner geistigen Aktivitäten. 2002 begann er mit dem Projekt einer erläuternden Nacherzählung aller Shakespeare-Dramen. Vieles blieb Fragment, nur der Kommentar zu „Shakespeares Hamlet“ wurde abgeschlossen und postum publiziert. Ausgehend von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und den Attributen, die hier dem Juden Shylock zugeordnet sind, hat er zudem das Wahngebilde Antisemitismus rekonstruiert („Shylock“, 1997). Eine breite und dialektische Differenziertheit des Wissens war seine Stärke.

 

Das Literaturland Baden-Württemberg besitzt im Südwesten bereits mehrere Literaturmuseen und Gedenkstätten: Den „Tschechow-Salon“ in Badenweiler, das Johann-Peter-Hebel-Haus in Hausen im Wiesental, das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen – nun ist es um eine Attraktion reicher. Im Historischen Gasthaus & Schwanitz-Haus „Zum Salmen“ finden zudem regelmäßig kulturelle Veranstaltungen statt.

 

 

Kontakt zur Redaktion: info@kulturfinder-bw.de